Wer beim Heraushören oder Transkribieren ins Stocken gerät, versucht oft, sofort Ton für Ton einzelne Notennamen zu erraten. Erfahrene Musikerinnen und Musiker tun jedoch zuerst etwas anderes: Sie hören den Grundton (die Tonika) des Stücks heraus. Sobald der Grundton feststeht, hörst du die übrigen Töne nicht mehr als absolute Tonhöhen, sondern als Beziehung zum Grundton, also als Skalenstufen (Tonstufen).

In diesem Artikel erklären wir, was der Grundton wahrnehmungspsychologisch eigentlich ist, warum man ihn zuerst finden sollte und mit welchen sechs konkreten Methoden man den Grundton allein mit dem Gehör aufspürt. Außerdem behandeln wir sorgfältig den Punkt, der beim Heraushören am häufigsten missverstanden wird und doch zum Wesentlichen gehört: dass dieselbe Vorzeichnung sowohl eine Durtonart als auch deren Mollparallele bezeichnen kann.

Seien wir ehrlich: Den Grundton herauszuhören ist kein Zaubertrick, den man mit einem einzigen Handgriff im Nu beherrscht, sondern eine Fertigkeit, die mit der Übung wächst. Bei manchen Stücken lässt sich die Antwort zudem nicht eindeutig festlegen. Dieser Artikel ist ohne Übertreibung geschrieben und trennt klar, was die Forschung zeigt, von dem, was sich durch Training aneignen lässt.

Was ist der Grundton (die Tonika) – der Ton, der sich wahrnehmungspsychologisch wie „Zuhause“ anfühlt

Der Grundton (die Tonika, die erste Tonstufe) ist der Ton, der als Zentrum des Stücks wirkt. Er ist der stabilste Ort, der Ort der Ruhe und der Auflösung – der Ton, den das Ohr als „Zuhause“ empfindet. Stücke beginnen häufig auf diesem Ton und enden besonders auf ihm. Die Tonart wird nach der Verbindung aus diesem Grundton und dem Tongeschlecht (Dur oder Moll) benannt. „C-Dur“ bedeutet zum Beispiel: Grundton C, Tongeschlecht Dur.

Dieses Gefühl, „sich wie Zuhause anzufühlen“, ist keine bloß subjektive Überlieferung. Es ist als experimentell gemessene tonale Hierarchie belegt. Mit der von Krumhansl und Kolleginnen verwendeten Probetonmethode – bei der man zunächst einen musikalischen Kontext (Tonleiter, Akkord, Kadenz) vorspielt und anschließend einen einzelnen Probeton erklingen lässt, dessen Passgenauigkeit die Versuchspersonen bewerten – wurde eine durchgängige Rangordnung gefunden. Der Grundton wird als am stabilsten bewertet, danach folgen die Töne des Tonikadreiklangs (die Quinte als Dominante, die Terz als Mediante), dann die übrigen leitereigenen Töne (zweite, vierte, sechste und siebte Stufe) und schließlich die leiterfremden (chromatischen) Töne als am niedrigsten. Das ist die wahrnehmungspsychologische Grundlage dafür, „welcher Ton sich wie Zuhause anfühlt“.

Der Musikkognitionsforscher Karpinski nennt dieses Heraushören die Tonika-Inferenz und bezeichnet sie als den ersten und grundlegendsten wahrnehmungspsychologischen Schritt beim Hören tonaler Musik sowie als Voraussetzung für das Transkribieren und die Gehörbildung. Wichtig ist: Man kann den Grundton erschließen, ohne die gesamte Tonleiter gehört zu haben. Oft genügen wenige Töne oder Akkorde; das Erschließen geschieht schnell und kann sich über Modulationen hinweg dynamisch verändern.

Warum man den Grundton „zuerst“ finden sollte

Sobald der Grundton feststeht, kannst du alle anderen Töne als Beziehung zum Grundton, also als Tonstufen hören. Das ist ein entscheidender Unterschied. Steht der Grundton nicht fest, errätst du weiterhin nur einzelne, absolute Notennamen. Steht er fest, liest du Funktionen: Dieser Ton ist die Quinte, dieser Akkord ist eine Auflösung von der Dominante zur Tonika, und so weiter.

Genau diese Fähigkeit, „in Beziehungen zu hören“, macht eine Melodie transkribierbar, transponierbar und session-tauglich. Dass du eine in einer Tonart gelernte Phrase sofort in einer anderen Tonart spielen kannst, liegt daran, dass du sie als Tonstufen bezogen auf den Grundton gespeichert hast. Das ist genau der Kern dessen, was das relative Gehör und die relative Solmisation trainieren (bei der relativen Solmisation gilt: „Do = immer der Grundton“; dazu später mehr).

Eben deshalb ist es wirkungsvoll, den Grundton festzulegen, bevor du mit dem Transkribieren beginnst. Wenn du zuerst den Rahmen herstellst – wo das Zuhause liegt –, lassen sich die einzelnen Töne anschließend mit einem Mal viel leichter als Positionen innerhalb dieses Rahmens heraushören.

Sechs Methoden, um den Grundton allein nach Gehör zu finden

Die folgenden Methoden werden in der Gehörbildung gelehrt und beim tatsächlichen Heraushören eingesetzt. Der Kniff besteht darin, sich nicht auf eine einzige zu verlassen, sondern mehrere zu verbinden, sodass sie sich gegenseitig bestätigen.

1. Mitsingen und den Ton der Ruhe suchen. Singe zum Stück mit und achte auf den Ton, auf dem die Stimme natürlich zur Ruhe kommt, wenn du eine Phrase landest oder beendest. Der Ton, zu dem du immer wieder zurückkehrst und auf dem du mühelos enden kannst, ist mit nahezu absoluter Sicherheit der Grundton.

2. Der Anfangs- und Schlusston der Phrase. Bestimme den Ton, auf dem Phrasen durchgängig beginnen beziehungsweise enden. Melodien neigen dazu, an Ruhepunkten zum Grundton hingezogen zu werden.

3. Der Konvergenzpunkt von Bass und Melodie. Suche den Ton, zu dem Basslinie und Melodie – besonders am Ende eines Abschnitts – immer wieder zurückkehren. Der Basston am Schluss weist stark auf den Grundton hin.

4. Die Anziehung der Kadenz (V→I). Höre die stärkste „Erlösung nach der Spannung“ heraus. Das ist der authentische (vollkommene) Schluss, bei dem die Dominante (V) in die Tonika (I) aufgelöst wird. Der Ton, der nach dieser Auflösung erreicht wird, ist der Grundton. Das Gefühl, dass der Leitton (die siebte Tonstufe, der Halbton unter dem Grundton) stark zum Grundton hinaufgezogen wird, ist der zuverlässigste Wegweiser der Kadenz.

5. Die Bordun-Methode (Liegeton). Summe einen einzelnen Kandidatenton durchgehend als Bordun, während du das Stück hörst. Verschmilzt der Bordun mit dem Stück, klingt konsonant und ruhig, dann ist es der Grundton. Reibt er sich und trübt sich der Klang, ist es nicht der Grundton. Diese Methode ist einfach, hat aber eine sehr hohe Beweiskraft.

6. Die Farbe von Dur oder Moll (das Tongeschlecht). Wenn du den Grundton gefunden hast, beurteile, ob die Terz darüber (und der Tonikadreiklang) hell und stabil klingt (Dur, große Terz) oder dunkel und wehmütig (Moll, kleine Terz). Dieser Schritt bestimmt nicht den Grundton der Tonart, sondern ihren Charakter.

Dur oder seine Mollparallele – die größte Falle beim Heraushören

Hier liegt der eigentliche Kern. Eine Durtonart und ihre Paralleltonart in Moll (die Mollparallele) teilen sich dieselbe Vorzeichnung und dieselben sieben Töne. C-Dur und a-Moll bestehen zum Beispiel beide aus derselben Tonmenge, nämlich allein den weißen Tasten ohne Kreuze oder Bes. Der Grundton der Mollparallele liegt auf der sechsten Stufe der Durtonleiter – anders gesagt eine kleine Terz (drei Halbtöne) unter dem Grundton der Durtonart (A liegt eine kleine Terz unter C). Umgekehrt liegt der Grundton der Durparallele auf der dritten Stufe der Molltonleiter.

Mit anderen Worten: Die Arbeit des Tonartfindens darf nicht damit enden, dass man die Vorzeichnung bestimmt hat. Auch wenn die Töne dieselben sind, ist die Tonart nicht dieselbe. Du musst unterscheiden, welcher Ton das wahre Zentrum ist: Ist das Zuhause C (Dur) oder doch A (Moll)? Bei derselben Tonmenge liegt der Schwerpunkt an unterschiedlicher Stelle.

Für die Unterscheidung nach Gehör gibt es im Wesentlichen drei Anhaltspunkte. (1) Auf welchem Ton beziehungsweise Akkord stellt sich das Gefühl der Auflösung ein – kommt die Musik auf C und dem C-Dur-Akkord zur Ruhe oder auf A und dem a-Moll-Akkord? (2) Der Anfangs- und besonders der Schlussakkord: Der Akkord, auf dem zuletzt geruht wird, ist der stärkste Beleg. (3) Der Leitton. Tatsächliches Moll erhöht meist die siebte Stufe um einen Halbton (harmonische Molltonleiter: in a-Moll das Gis). Dadurch entstehen ein echter Leitton und die Auflösung von der Dur-Dominante (E-Dur, V) zur Moll-Tonika (a-Moll, i). Hörst du diese erhöhte siebte Stufe und einen V→i-Schluss zur Moll-Tonika, ist das ein starker Beleg dafür, dass es nicht Dur ist, sondern die Mollparallele. Die natürliche Molltonleiter dagegen erhöht die siebte Stufe nicht (Subtonium, ein Ganzton unter dem Grundton), weshalb die Anziehung des Leittons fehlt und modale Stücke auch in diesem Zustand verharren können.

Achtung bei den Fachbegriffen: Die deutsche „Paralleltonart“ (C-Dur und a-Moll teilen die Vorzeichnung) entspricht dem englischen relative key. Das englische parallel key dagegen meint zwei Tonarten mit gleichem Grundton, aber unterschiedlichem Tongeschlecht (etwa C-Dur und c-Moll) – im Deutschen heißt das Varianttonart. Wer aus dem Englischen übersetzt, verwechselt diese beiden leicht; deshalb ist es sicherer, anhand des Konzepts (gleiche Vorzeichnung versus gleicher Grundton) zu prüfen, statt sich auf das ähnlich klingende Wort zu verlassen.

Häufige Fehler

Bei der Vorzeichnung stehenbleiben. Nur die Anzahl der Kreuze und Bes zu zählen, entscheidet nicht, ob es Dur oder die Mollparallele ist. Prüfe unbedingt mit dem Ohr, welcher Ton sich als Zentrum verhält.

Den ersten Akkord für die Tonika halten. Stücke beginnen häufig auf etwas anderem als dem Grundton. Das Ende (der Akkord, auf dem zuletzt geruht wird) ist ein weit zuverlässigerer Anhaltspunkt als der Anfang.

Modulationen übersehen. Stücke wechseln die Tonart. Der zu Beginn erschlossene Grundton kann sich unterwegs verschieben. Da die Tonika-Inferenz dynamisch ist, solltest du davon ausgehen, sie für jeden Abschnitt neu vorzunehmen.

Modalen oder mehrdeutigen Stücken gewaltsam einen Grundton aufzwingen. In modaler Pop- und Rockmusik wie Mixolydisch oder Dorisch kann der Anhaltspunkt des Leittons fehlen (er ist zum Subtonium geworden), und ein V→I-Schluss ist schwach ausgeprägt oder gar nicht vorhanden. Zudem ist die tonale Mehrdeutigkeit populärer Musik ein in der Forschung dokumentiertes reales Phänomen. Lavengood unterscheidet in „Open Music Theory“ die fragile Tonika, bei der ein Grundton existiert, aber abgeschwächt ist, die auftauchende Tonika, bei der der Grundton bis zum Höhepunkt-Refrain zurückgehalten wird, und die abwesende Tonika, die durch Konventionen nahegelegt, aber tatsächlich nie erklungen ist. Richards dokumentiert die tonale Mehrdeutigkeit in der sogenannten Achs-Progression sowie im Doppeltonika-Komplex, bei dem zwei im Terzabstand stehende Akkorde um den Grundton ringen. Mit anderen Worten: Bei manchen Stücken gibt es keine einzige richtige Antwort.

Die empfehlenswerte ehrliche Haltung besteht darin, einen Kandidaten für den Grundton nicht als endgültiges Urteil, sondern als Anhaltspunkt zu behandeln. Frage dich weiter „Fühlt sich das wirklich wie Zuhause an?“ und überprüfe es, indem du es mit Bordun oder Gesang landen lässt.

Anhaltspunkte zur Unterscheidung zwischen Dur und seiner Mollparallele

Aspekt (Anhaltspunkt)Eher Dur (do = Grundton)Eher Mollparallele (la = Grundton)
Schlussakkord (stärkster Beleg)Ruht auf dem Dur-Tonikadreiklang (z. B. C-Dur)Ruht auf dem Moll-Tonikadreiklang (z. B. a-Moll)
Ton der Auflösung und RuheDie Musik strebt nach C (do)Die Musik strebt nach A (la)
Typ der KadenzG→C (V→I, Dominante→Tonika)E→Am (V→i, mit erhöhter siebter Stufe)
Leitton (Halbton unter dem Grundton)H→C tritt natürlich aufGis→A tritt auf (die siebte Stufe ist um einen Halbton erhöht)
Farbe der Terz im TonikadreiklangHell und stabil (große Terz)Dunkel und wehmütig (kleine Terz)
Ton, der mit dem Bordun verschmilztEin Bordun auf C ist konsonant und kommt zur RuheEin Bordun auf A ist konsonant und kommt zur Ruhe

Mit Solfege PRO das Ohr für den Grundton schulen

Die in diesem Artikel genannten Anhaltspunkte – die Anziehung der Kadenz, die Dur- oder Moll-Farbe des Tonikadreiklangs, der Abstand vom Grundton – sind allesamt Hörfertigkeiten, die sich durch Training schärfen lassen. Das Intervalltraining von Solfege PRO schult die Fähigkeit, den Abstand von einem Bezugston herauszuhören. Das ist die Grundlage dafür, Tonstufen zu hören (so→do ist zum Beispiel Quinte→Grundton, also die Bewegung von der Dominante zur Tonika).

Das Modul für Akkorde und Akkordverbindungen prägt dem Ohr die Anziehung des V→I-Schlusses ein, ebenso die Farbe, ob der Tonikadreiklang in Dur oder Moll steht – genau die Anhaltspunkte, die man zum Finden und Bestätigen des Grundtons verwendet. Indem du die Auflösung vom Leitton zum Grundton wiederholt hörst, lernst du, den Wegweiser der Kadenz reflexhaft zu erfassen.

Und dann die Verbindung zur relativen Solmisation. Bei der relativen Solmisation ist „Do“ stets der Grundton der jeweiligen Tonart (Do = erste Stufe). Die relative Solmisation zu trainieren bedeutet also genau, die Fähigkeit zu trainieren, Grundton und Tonstufen zu hören. Den Unterschied zwischen relativer und absoluter Solmisation und was jede von beiden schult, erklären wir ausführlich im gesonderten Artikel „Relatives Do oder absolutes Do – womit sollte man lernen?“ (/guides/movable-do-vs-fixed-do/). Liest du beides zusammen, wird dir einleuchten, warum das Heraushören mit einem Mal leichter wird, sobald du den Grundton erfasst hast.

Ein Ohr für den Grundton wächst nicht über Nacht, aber mit wenigen Minuten gezielter Übung täglich wächst es stetig. Solfege PRO kostet 980 ¥/Monat (eine Woche kostenlose Testphase) und schult durch das Training von Intervallen, Akkorden und Akkordverbindungen geduldig genau dieses Ohr, das das Zuhause heraushört.

Die in diesem Artikel genannten Anhaltspunkte – die Anziehung der Kadenz, die Dur- oder Moll-Farbe des Tonikadreiklangs, der Abstand vom Grundton – sind allesamt Hörfertigkeiten, die sich durch Training schärfen lassen. Das Intervalltraining von Solfege PRO schult die Fähigkeit, den Abstand von einem Bezugston herauszuhören. Das ist die Grundlage dafür, Tonstufen zu hören (so→do ist zum Beispiel Quinte→Grundton, also die Bewegung von der Dominante zur Tonika).

Im App Store ansehen

Häufige Fragen

Kann man die Tonart eines Stücks wirklich allein nach Gehör finden?

Ja, aber es ist kein Zaubertrick im Sinne von „mit einem Handgriff im Nu“, sondern eine Fertigkeit, die mit der Übung wächst. Die Forschung (Karpinskis Tonika-Inferenz) bezeichnet dies als den ersten und grundlegendsten wahrnehmungspsychologischen Schritt beim Hören tonaler Musik. Mitsingen und den Ton der Ruhe suchen, einen Bordun anlegen und den Ton suchen, der verschmilzt, den V→I-Schluss heraushören – verbindet man diese Methoden, lässt sich bei vielen Stücken der Grundton bestimmen. Allerdings lässt sich die Antwort bei manchen Stücken nicht eindeutig festlegen, und das ist kein Fehler der Lernenden, sondern eine Eigenschaft der Musik selbst.

Sind der Grundton der Tonart (die Tonika) und der Grundton eines Akkords dasselbe?

Nein, das sind verschiedene Dinge. Die Tonika ist der Ton, der das Zentrum der gesamten Tonart bildet (die erste Tonstufe). Der Grundton eines Akkords ist der Ton, auf dem ein einzelner Akkord aufgebaut ist. In C-Dur ist die Tonika zum Beispiel C; erklingt aber im Stück ein F-Dur-Akkord, so ist dessen Grundton in diesem Moment F. Merke dir die Unterscheidung: Die Tonika ist das Schwerkraftzentrum über das ganze Stück hinweg, der Akkordgrundton ist der Bezugston für jeden einzelnen Akkord.

Steht die Tonart fest, sobald man die Vorzeichnung kennt?

Nein, sie steht nicht fest. Hier liegt der am häufigsten missverstandene Punkt. Dieselbe Vorzeichnung bezeichnet sowohl eine Durtonart als auch deren Mollparallele (z. B. ohne Kreuze und Bes sowohl C-Dur als auch a-Moll). Die Vorzeichnung verrät dir, welche sieben Töne verwendet werden, aber nicht, welcher dieser Töne als Zuhause fungiert. Erst wenn du den Schlussakkord, den Ton der Auflösung und Ruhe sowie den Leitton (bei Moll die erhöhte siebte Stufe) mit dem Ohr prüfst, steht die Tonart fest.

Wie unterscheidet man Dur und die Mollparallele beim Hören?

Am zuverlässigsten ist der Akkord, auf dem zuletzt geruht wird. Endet das Stück auf dem C-Dur-Akkord, ist Dur wahrscheinlich; endet es auf dem a-Moll-Akkord, eher die Mollparallele. Als Nächstes die Farbe der Terz im Tonikadreiklang (helle große Terz oder dunkle kleine Terz). Und dann der Leitton: Tatsächliches Moll erhöht meist die siebte Stufe um einen Halbton (in a-Moll das Gis) und schafft so die Auflösung von E-Dur (V) zu a-Moll (i). Hörst du diese erhöhte siebte Stufe und einen V→i-Schluss, ist das ein starker Beleg dafür, dass es nicht Dur ist, sondern die Mollparallele.

Ich kann den Grundton nicht allein aus der Melodie finden – was tun?

Die Melodie allein bietet wenige Anhaltspunkte, ziehe deshalb die Basslinie hinzu. Der Ton, zu dem Bass und Melodie – besonders am Ende eines Abschnitts – wiederholt zurückkehren, ist oft der Grundton. Bekommst du ihn auch so nicht zu fassen, hilft die Bordun-Methode, bei der du einen Kandidatenton durchgehend summst. Verschmilzt er mit dem Stück und kommt zur Ruhe, ist es der Grundton; trübt sich der Klang, ist er es nicht. Bei modalen Stücken oder der Achs-Progression in der Popmusik ist der Grundton zudem nachweislich mehrdeutig, wie die Forschung dokumentiert; du musst dich nicht in jedem Fall gewaltsam auf einen festlegen.

Literatur

  1. Krumhansl, C. L., & Shepard, R. N. (1979). "Quantification of the hierarchy of tonal functions within a diatonic context." Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 5(4), 579–594.
  2. Krumhansl, C. L., & Kessler, E. J. (1982). "Tracing the dynamic changes in perceived tonal organization in a spatial representation of musical keys." Psychological Review, 89(4), 334–368.
  3. Krumhansl, C. L. (1990). Cognitive Foundations of Musical Pitch. Oxford University Press (Oxford Psychology Series).
  4. Karpinski, G. S. (2000). Aural Skills Acquisition: The Development of Listening, Reading, and Performing Skills in College-Level Musicians. Oxford University Press.
  5. Karpinski, G. S. (2017). Manual for Ear Training and Sight Singing (2nd ed.). W. W. Norton.
  6. Lavengood, M. "Fragile, Absent, and Emergent Tonics." In Open Music Theory (eds. Hughes, Jenkins, Lavengood).
  7. Richards, M. (2017). "Tonal Ambiguity in Popular Music's Axis Progressions." Music Theory Online (MTO), 23(3).